hojehaus birgitt wöllner

Kunst · Texte · Gestaltung

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IMG 2033 01Im Frühjahr plant und ordnet man.
Man sagt, wieviel von welchem Gemüse, Obst, Blümchen da und dort wachsen soll.
Selbstverständlich.

Jedes Jahr denkt man wieder, man hätte tatsächlich die Macht, zu bestimmen, wie die Beete, das Gewächshaus, die Blumenkübel gefüllt sein sollen.
Und man glaubt sehr lange und blauäugig an die eigene Wichtigkeit als Gartenvorstand.

Dann legt der Garten los:
IMG 2039 01Manche Vorschläge, die man ihm gemacht hat, nimmt er  gnädig an, und tatsächlich wachsen - wie vereinbart - zarte Salatpflänzchen im Hochbeet und die Tomaten keimen ordentlich in ihrer kleinen Salatschale. Die Möhren - regelgerecht vorgekeimt in feuchtem Sand - zeigen zarte Keimlinge und werden in Reihen ausgewildert.

IMG 2836 01Die Saat wird bewacht und umhegt. Fresskonkurrenten sammelt man ab oder macht ihnen den Garaus.
Notwehr.

Immer noch wiegt der Garten seine(n) Gärtner(in) in Sicherheit.
Man hat das Ruder in der Hand.

 

 

 

 

 
Dann beginnt es:

Zuerst hi und da entwickelt der Garten eine eigene Meinung.
Trotz (oder wegen?) liebevollster Pflege kommen die Gurken, die eigentlich im Gewächshaus wuchern sollten - wie im vorigen Jahr - nicht auf die Beine.
Der Himmel weiß, warum. Als Ersatzspieler sind Auberginen und Paprika am Start, und immerhin findet der Garten diese Idee gut - Glück gehabt!

Die selbstgezogenen Tomatenpflänzchen sind zu lang, zu weich und zu hell...na, das kann ja heiter werden! Und wieder habe ich mein Glück außer mit Hellfrucht auch mit Ochsenherztomaten versucht - wie die Jahre vorher. Ich rechne fest mit einer Niederlage.
Mein Mann lacht schon, weil ich täglich mit meinem kleinen Reich ringe.

August 2014 011 01Ich giesse, sammle ab, zupfe und schneide.
Ich binde hoch, mulche und biete Rankhilfe an.
046 01
Versagt alle Kunst, rupfe ich aus und schließe die Lücken möglichst kreativ.

Jetzt ist es über all dem August geworden, und ich habe rückblickend das Gefühl, ich hätte wochenlang jongliert, ja geradezu Schach gespielt, mit meiner kleinen Natur hinter dem Haus.

Aber, immer wieder hat der Garten auch mein unermüdliches Werkeln belohnt:
Salat in rot und grün, Radieschen und Petersilie, Erd-, Johannis-, Stachel- und Himbeeren hat er springen lassen, und Zuckererbsen gleich vom Strauch in den Mund.
Cocktailtomaten werden gerne im Vorübergehen genascht, deswegen säumen sie die Wege.IMG 2830 01IMG 3107 hh
Je weiter das Jahr voranschreitet, desto größenwahnsinniger wird er, der Garten.
Mitten unter den Karotten geht ein wilder Kürbis auf. Wahrscheinlich mit dem Kompost herangeschleppt - wer weiß?
So stark und wüchsig sind Pflanzen nur, wenn sie sich ihren Platz selbst suchen dürfen! Ich habe Hochachtung vor diesem Überlebenswillen und lasse den Kürbis wo er ist.
Jetzt legt er sich über die Erdbeeren und lümmelt sich lässig an die Hainbuche - aber, er macht eine kleine Kugel nach der anderen.
Zierkürbisse, wie es aussieht.
Einem geschenkten Gaul...und immerhin ist die Herbstdeko damit gesichert!

Der Apfelbaum ist heuer fleißig, aber wir müssen noch etwas warten, bis wir die Früchte seiner Arbeit kosten dürfen.
Die murkeligen Tomaten haben sich in Zeug gelegt, wie um mich Lügen zu strafen - Die Hellfrucht klettert emsig nach oben, der Sonne zu und macht dabei einen Fruchtstand nach IMG 3095 01dem anderen und sogar das zickige Ochsenherz hat sich ein Herz gefasst und sich zum Bleiben entschlossen - und, wo es nun schon einmal im Kübel steht, macht es eine riesige Tomate nach der anderen.

 

 

 


Ich schwelge in Tomatensalat, gratiniere Auberginen, die so groß und warm und samtig violett sind, dass man sich direkt überwinden muss, die Schönheiten abzuschneiden. Paprika drängeln sich an der Staude - und dabei ist es erst Anfang August!
Nur die einzelne Gurkenpflanze im Gewächshaus, die einzige Überlebende von vieren, versucht verbissen, eine Gurke zu produzieren und mit der allgemeinen Fruchtbarkeit mitzuhalten...
Kein Gurkenjahr, heuer! Ich helfe wo ich kann mit Kaffesatz und Wurmtee...wir werden sehen.

Man soll nun ja den Tag nicht vor dem Abend und das Gartenjahr nicht vor Weihnachten loben, aber jetzt - während wir auf den Spätsommer zusteuern, mein Garten und ich - habe ich manchmal das Gefühl, dass wir beide uns ein bisschen zurücklehnen um zu verschnaufen.
Wir müssen nicht mehr kämpfen, nicht mehr miteinander ringen und versuchen, den eigenen Willen auf biegen und brechen durch zu setzen.
August 2014 033 01Wie ein altes, kampferprobtes Paar sitzen wir im Abendsonnenschein und sind mit uns zufrieden - er mit mir und ich mit ihm.
Jetzt können wir es uns für den Rest des Jahres miteinander gemütlich machen und das ist doch etwas!